Der blinde Fleck der Klimadiskussion

Zwar gibt es gute Alternativen zu fossilen Brennstoffen, doch die Zeit läuft gegen uns. Wenn wir die Klimaschutzziele der Weltgemeinschaft rechtzeitig erreichen wollen, müssen wir umdenken. Nicht die Erschließung neuer, sondern die effiziente Nutzung bestehender Energiequellen hat Priorität.

Gastbeitrag von Klaus Betz in der Beilage "Bauen und Sanieren" der Financial Times Deutschland vom 22. November 2010

Mitten in unserem Gesichtsfeld gibt es einen Bereich, den wir eigentlich nicht sehen können. Es ist der berühmte blinde Fleck, also die Ansatzstelle für den Sehnerv, an der sich keine Lichtrezeptoren befinden. Trotzdem ist sie uns fast nie bewusst, weil das Gehirn den fehlenden Ausschnitt clever ergänzt. Die merkwürdige Lücke in unserem Sehapparat war schon immer eine recht anschauliche Metapher für all jene Situationen, in denen wir verzweifelt nach der Lösung für ein Problem suchen, einen Wust von Varianten um uns herum ansammeln, dabei aber die einfachste und eleganteste einfach übersehen. Als ob sie sich im blinden Fleck unserer Wahrnehmung versteckte. Dies ist genau die Situation, in der wir uns auch in der Diskussion um den Klimaschutz befinden.

Aktuell verbrauchen wir in nur einem Jahr eine Menge an fossilen Energieträgern, die sich vor Urzeiten in einer halben Millionen Jahre gebildet hat. Die Vorräte gehen rapide zur Neige, die Ölförderung wird hemmungslos auf hoch sensible Regionen wie die Polkappen oder die Tiefsee ausgedehnt. Dabei soll sich der globale Energiebedarf nach aktuellen Hochrechnungen bis zum Jahr 2050 nochmals verdoppeln. Kaum vorstellbar, wie man unter solchen Bedingungen eine weitere drohende Erwärmung des Erdklimas vermeiden kann. Es wird also immer dringlicher, Alternativen zu fossilen Brennstoffen zu etablieren und so richten wir unsere ganze Kraft auf die Erschließung emissionsfreier Energiequellen wie Wind und Sonne, ja greifen gar auf die äußerst kontrovers diskutierte Kernenergie zurück, um nur nichts mehr mit den CO2-Schleudern Kohle und Öl zu tun haben zu müssen. Nur, und da sind sich Experten einig: Solartechnik, Biomasse, Geothermie oder Windkraft sind noch lange nicht so ausgereift, dass sie unseren Energiebedarf auf absehbare Zeit alleine decken. Dabei gibt es eine hocheffiziente Lösungsstrategie, so offensichtlich, dass man sie oftmals als solche gar nicht besonders ernst nimmt: das Energiesparen. Sämtliche Maßnahmen zur Steigerung von EnergieEffizienz, so scheint es zumindest, bilden den blinden Fleck einer aktuellen Klimadiskussion, die sich eigentlich gar nicht leisten kann, das ungeheure Potenzial zu übersehen, das die Optimierung unseres allgemeinen Energieverbrauchs birgt.

Am augenfälligsten wird dies beim Thema EnergieEffizienz in Gebäuden. Es ist bekannt, dass annähernd die Hälfte der Primärenergie in Europa hier verbraucht wird. Die Möglichkeiten zur Einsparung sind enorm und wenn wir verstehen, sie zu nutzen, wären wir in der Lage, unseren Energieverbrauch und damit den CO2-Ausstoß erheblich schneller und kostengünstiger zu senken, als dies über den langfristig wichtigen aber trägen Übergang zu alternativen Stromproduktionen momentan möglich ist. Zudem müssen für die Reduktion von einer Tonne CO2, 10 Euro in erneuerbare Energien aber nur 1 Euro in EnergieEffizienz investiert werden. Dazu gibt es einige beeindruckende Beispiele. Seit sich die Deutsche Bank entschloss, die Gebäude und Energietechnik ihres Wahrzeichens, der Doppeltürme im Frankfurter Westend, von Imtech komplett energetisch sanieren zu lassen, reduzierte sich der Energieverbrauch des Gebäudes auf dramatische Weise. 67 Prozent der Heiz- und Kühlenergie spart die neue Zentrale gegenüber früher ein. Das ist der Effekt einer neuen hoch isolierenden Dreifachverglasung der Spiegeltürme und einer Klimatisierungstechnik, die es vermag, den Beton thermisch zu aktivieren. Wasser wird mittels Solartechnik erwärmt, die Toilettenspülung greift auf ein Reservoir an Regenwasser zurück, Aufzüge erzeugen in der Abwärtsbewegung Strom, der ins Netz gespeist wird. Durch all diese Maßnahmen verringert sich der CO2-Ausstoß um spektakuläre 89 Prozent.

Auch die neue Produktionshalle der Firma SMA Solar Technology profitiert von einem nachhaltigen Energiekonzept, das eigens für dieses Gebäude entwickelt wurde. Die Grundidee ist hier, verschiedene Energieträger intelligent zu verknüpfen, um Wärme, Kälte, Druckluft und Strom nach Bedarf zu erzeugen. Das Kernstück der Anlage bildet eine Absorptionskälteanlage, in der die Abwärme eines Biogas-Blockheizkraftwerks in Kälte umgewandelt wird. Durch den innovativen Technologienmix können jährlich rund 1.700 Tonnen CO2 eingespart und die Energiekosten um rund 270.000 Euro pro Jahr reduziert werden.

Doch nicht nur Bürogebäude und industrielle Produktionsstätten lassen sich äußerst wirksam energietechnisch optimieren. Zu großen Energieverbrauchern zählen auch Sportstätten wie Fußballstadien, die mit energieintensiver Technik wie Rasenheizungen für eine negative CO2-Bilanz sorgen. Dabei könnte man durch ökologisch nachhaltige Lösungen wie z. B. Erdwärme, kombiniert mit einer verbesserten Regelung, bis zu 600 Megawattstunden Wärme pro Jahr und zusätzlich jährlich rund 150 Tonnen CO2 einsparen. Das sind genau die Werte, die wir im Stadion des Hamburger SV erreichen, das gerade von uns energietechnisch optimiert wird. Doch die von uns geleitete Sanierung der Imtech Arena, wie die Heimstätte des HSV die nächsten sechs Jahren heißen wird, beschränkt sich nicht nur auf die Optimierung der Rasenheizung. Auch Energieverbraucher wie Flutlicht, Kabinen, Logen, Restaurants und Büroflächen bergen ein enormes Effizienzpotenzial. Wir rechnen damit, durch entsprechende Umrüstung circa 35 Prozent des bisherigen Primärenergieverbrauchs einzusparen, was einer Reduktion des jährlichen CO2-Ausstoßes um rund 1.200 Tonnen gleichkommt. Das ist immerhin das, was etwa 200 Einfamilienhäuser an Treibhausgasen im Jahr produzieren.

Trotz solcher konkreter Erfolgsmeldungen bleibt die Umsetzung energieeffizienten Bauens und Sanierens oftmals nicht mehr als ein Lippenbekenntnis. Die meisten Menschen und Unternehmen handeln nach wie vor nicht energieeffizient, sondern richten sich nach aktuellen Energiepreisen, Zinsätzen und Amortisationszeiten. Ein Passivhaus, das aufgrund exzellenter Dämmung und intelligenter Lüftung ohne klassische Heizung auskommt, würde sich, so das oftmals zitierte, abschreckende Beispiel, erst nach 20 Jahren rechnen. Dabei ist vollkommen klar, dass für den Großteil aller Projekte einer Amortisation der anfänglichen Mehrkosten bereits nach deutlich kürzerer Zeit gerechnet werden kann. Bei den hier genannten Beispielen bereits zwischen vier und fünf Jahren. Darüber hinaus glauben wir, dass jedes Unternehmen, das die Zeichen der Zeit erkannt hat und EnergieEffizienz weniger als Verlegenheitslösung denn als innovatives Produkt auf dem Markt anbietet, sich daran messen lassen sollte, wie wirtschaftlich dies darstellbar ist.

Immerhin besteht Hoffnung, dass sich in den nächsten Jahren doch noch alles zum Guten wendet. Zum einen leitet uns der Gesetzgeber sanft aber bestimmt in die richtige Richtung, wenn die EU einen „Niedrigstenergiegebäude“-Standard ab 2020 fordert. Zum anderen besteht die vielleicht nicht ganz unberechtigte Hoffnung, dass die Verachtung für die Verschleuderung von Energie sich weiter gesellschaftlich verankert. Der Umweltforscher Ernst Ulrich Weizsäcker jedenfalls erkennt dafür erste Anzeichen. „Früher waren Sätze wie ‚Der Schornstein muss rauchen’ das Synonym für eine brummende Wirtschaft. Wenn Sie heute einen rauchenden Schornstein sehen, denken Sie: Da ist was kaputt.“